Kleiner Polen-Knigge. Nicht
nur für Studenten
Dieser kleine Ratgeber entstand
in der Stilistik-Übung des 4. Studienjahres Germanistik an der Maria
Curie-Sklodowska-Universität Lublin im Hochschuljahr 1997/98.
Die Texte sind für Deutsche gedacht, die nach Polen reisen. Sie
sollen helfen, sich schneller in Polen zurechtzufinden, werden Erklärungen
liefern für Ungewohntes, wollen aber auch die Sinne schärfen für
das, was Deutsche und Polen miteinander verbindet.
Sachlich-informativ, oft mit einem Schuß liebenswerter Selbstironie
werden einige Lebensbereiche unter die Lupe genommen. Die Sammlung
wird durch ein längeres Kapitel zur Universität abgeschlossen, doch
richtet sie sich nicht ausschließlich an Studenten. Auch wer nicht
mit dem universitären Leben in Berührung kommt, wird sich von den
Ratschlägen vielleicht angesprochen fühlen und neugierig geworden
sein auf das noch etwas fremde Nachbarland.
Jutta Conrad, DAAD-Lektorin
Hier geht's um die richtige Anrede
Überall auf der Welt macht die Höflichkeit
es leichter, miteinander auszukommen, beruflich wie privat. Auch
in Polen haben es höfliche Menschen leichter. Die Höflichkeit fängt
schon bei der Anrede an. "Sie" oder "Du" - die
Entscheidung scheint nicht so schwer zu sein. Oft fällt es aber nicht
leicht, den richtigen Ton zwischen überkorrekter Sachlichkeit und
höflichen Floskeln zu finden. Um in Polen gut anzukommen, muß man
folgende Regeln beachten:
a) Im Beruf:
1. Der Chef wird immer gesiezt. Er selbst redet seine Angestellten
meist auch mit "Sie" an. Allerdings wird gegenüber SekretärInnen,
ManagerInnen oder BeraterInnen die "vertraulichere" Sie-Form
bevorzugt, und zwar der Vorname + "Sie".
2. Die KollegInnen duzen sich untereinander, wenn sie sich näher kennen,
was meist nach einer Zusammenarbeit von einigen Wochen oder Monaten
der Fall ist.
3. In der Schule werden die Lehrer immer gesiezt. Den Schülern gegenüber
benutzt man aber das "Du", egal ob sie schon volljährig
sind oder nicht.
b) Im Privatleben:
4. Kinder und Jugendliche duzt man etwa bis zum 18. Lebensjahr, egal
ob und wie gut man sie kennt. Personen, die älter als 18 sind, werden
gesiezt, wenn man sie nicht kennt oder wenn man kein persönliches
Verhältnis zu ihnen hat, z.B. Nachbarn.
5. Im Familien- und Freundeskreis duzt man einander. Man beachte aber,
daß gegenüber den Eltern, Großeltern, älteren Onkeln und Tanten die
Verwandschaftsgrad-bezeichnungen viel öfter als in Deutschland zur
Du-Anrede hinzugefügt werden, z.B. "Mutti, Opa (usw.), kannst
du..."
6. Wenn man Leute näher kennenlernt und mit ihnen vertrauter wird,
kann man vom "Sie" zum "Du" übergehen. Dabei bietet
meistens der Ältere dem Jüngeren, der Ranghöhere dem Rangniedrigeren,
die Frau dem Mann das "Du" an.
c) Wenn man nicht weiß, was man tun soll:
In vielen nicht eindeutigen, verzwickten Situationen kann als besonderer
Hinweis gelten: Die Anrede mit "Sie" ist niemals unhöflich.
Findet der Angesprochene das "Sie" nicht passend, wird er
das "Du" anbieten.
(Sabina Barczyk)
"Ich küsse Ihre Hand, Madame
..."
Das Küssen der Hand einer Dame hat
eine lange Geschichte. Die Sitte entstand als ein Zeichen der Ergebenheit
eines Gefolgsmannes gegenüber seinem Herren. Schon im Mittelalter
wurde in Spanien den Damen die Hand geküßt, dann auch in Frankreich
und in Italien.
Heute ist diese Sitte in Europa nicht mehr üblich; Polen bildet hier
eine Ausnahme. Der polnischen Frau, ob jung oder alt, wird die Hand
geküßt. Der Ausländer braucht dabei keine Angst zu haben, daß diese
Geste von den Frauen als plumpe Vertraulichkeit verstanden wird. Besonders
gegenüber älteren Damen, denen man eine Ehre erweisen will, ist der
Handkuß empfehlenswert.
Neben den Anhängern gibt es aber auch Gegner dieser oft als veraltet
oder gar als rückständig angesehenen Sitte. Der Handkuß ist also heute
keine feste Regel mehr, er ist nicht obligatorisch. Auch wenn es eine
lange Tradition hat, darf man von niemandem das Küssen der Hand verlangen.
(Joanna Reszpondek, Dorota Walczyna, Jolanta Dyl)
Wie begrüßt man sich noch?
Ist man irgendwo zu Besuch oder wird
man einander vorgestellt, so reicht man sich normalerweise die Hand.
Für Deutsche ist es vielleicht ungewohnt, daß (junge wie alte) Männer,
die sich kennen, sich auch dann die Hand geben, wenn sie sich nur
zufällig begegnen. Unter Freundinnen ist es üblich, sich auf die Wange
zu küssen, und zwar nach polnischer Tradition dreimal. Vor allem bei
Geburtstags- oder Namenstagsfeiern tun dies auch die Männer.
Wenn junge Leute, die befreundet miteinander sind, sich lange nicht
gesehen haben, breiten sie zur Begrüßung die Arme aus und umarmen
sich. Aus der Ferne begrüßen sich junge Leute mit aufgehobenen Handflächen
oder winken sich zu. Bei der Begrüßung auf der Straße nehmen ältere
Männer die Kopfbedeckung ab (Jugendliche mit sportlichen Kopfbedeckungen
tun dies aber nicht).
(Eliza Maciocha)
Die Blumen "sprechen"
in Polen
Einige Blumen haben in Polen eine besondere
Bedeutung. Sie werden als ein Symbol betrachtet, das bestimmte Gefühle
ausdrückt und mit bestimmten Situationen assoziiert wird.
Rote Rosen bedeuten z.B., daß man die beschenkte Person lieb hat,
während Chrysanthemen und Lilien Trauer symbolisieren. Nelken dagegen
erinnern an die jüngste Geschichte, weil sie in der Zeit des Kommunismus
fast die einzig erhältlichen Blumen waren. Aus diesem Grund wurden
sie sowohl zu privaten als auch zu offiziellen Anlässen geschenkt.
Heute sind sie nicht mehr so beliebt und werden selten überreicht.
Blumen bringt man anläßlich einer Party oder eines Besuchs bei Bekannten
mit. Es gehört sich nicht, die Blumen im Papier zu übergeben, aber
in einer schönen Klarsichtfolie geht das schon. Das Papier darf man
in Anwesenheit des Gastgebers entfernen, damit man das nicht nervös
auf der Treppe machen muß. Am Bahnhof oder am Flughafen sollte man
die Blumen nicht ohne Klarsichtfolie übergeben.
Blumen können auch ein Geschenk ersetzen. Die Gastgeberin wird sie
an einen gut zu sehenden Ort in eine Blumenvase stellen, was ihre
Freundlichkeit gegenüber den Gästen betont. Als elegant gelten Schnittblumen.
Ein Veilchen im Blumentopf kann man dagegen der Schwester, der Freundin
oder einer Person, mit der man befreundet ist, überreichen.
Es gehört sich normalerweise nicht, daß Frauen Männern Blumen schenken.
Es gibt aber eine Ausnahme, und zwar wenn die Frau ihre Dankbarkeit
für geleistete Hilfe und Freundlichkeit ausdrücken möchte, z.B. eine
Patientin ihrem Arzt oder eine Studentin ihrem Professor.
(Marzena Witkowska)
Kein Mittagessen in Polen
Wenn Du Deutscher bist und nach Polen
kommst, mußt Du Deine Eßgewohnheiten vergessen und Deinen Magen auf
eine Revolution vorbereiten, denn hier wird zu einer anderen Zeit
gegessen. Da es in Polen gewöhnlich keine Mittagspause gibt, kann
auf der Arbeit höchstens nur ein Butterbrot heruntergeschlungen werden.
Erst nachmittags oder abends, wenn man nach einem langen Tag nach
Hause kommt, wird richtig gegessen.
Deshalb Vorsicht bei Einladungen: Wenn man in Deutschland um 15.00
Uhr mit dem Verdauen des Mittagessens schon lange fertig ist und auf
Kaffee und Kuchen wartet, muß man in Polen damit rechnen, zu dieser
Zeit mit einem reichlichen Mittagessen bombardiert zu werden. Der
Magen ähnelt zwar nach so vielen Stunden Hunger einem verschrumpelten
Apfel, aber es muß trotzdem auch nachmittags alles gegessen werden,
was auf den Tisch kommt.
(Maria Wójcicka, Malgorzata Rogaczewska)
Einladung zum Essen
Wenn man in Polen zum Essen eingeladen
wird, darf man nicht vergessen, daß die Pünktlichkeit in unserem Land
etwas anderen Regeln folgt. Wenn man z.B. zum Abendessen eingeladen
ist, stellt sich das Problem, um wieviel Uhr man erscheinen soll,
um den polnischen Bekannten nicht im Bademantel oder sogar in der
Badewanne zu überraschen und ihn dadurch in eine zweideutige Situation
zu bringen.
In Polen ist es üblich, daß man nicht ganz pünktlich kommt. Es wäre
also wünschenswert, es mit der Pünktlichkeit nicht zu übertreiben,
sondern sich in Geduld zu fassen und bis zu einer Viertelstunde abzuwarten,
bevor man bei Bekannten erscheint. Keine Angst! Niemand wird böse
sein und sich sogar beleidigt fühlen, wenn ein Gast etwas später kommt.
Im Gegenteil: Die Polen wären für diese zusätzliche Zeit sehr dankbar,
denn sie mögen keine Hektik.
Eine Flasche Wein oder Blumen in der Hand eines Gastes zu sehen, wäre
auch eine schöne Überraschung. Von diesem Moment an wird man mit der
herrlichen, grenzenlosen polnischen Gastfreundschaft konfrontiert,
die jahrhundertelange Tradition hat. Für viele Ausländer kann sie
jedoch verheerende Folgen haben. Sie werden nämlich mit Unmengen von
Speisen und Getränken bombardiert, als ob es sich um einen Magenkapazitätstest
handle. Paß auf, daß Du Dich nicht mit der ersten Speise vollstopfst,
denn die Gerichte werden in der Regel nacheinander serviert und es
bleiben sonst zu viele köstliche Speisen unberührt. Der Gastgeber
wird es dir bestimmt übel nehmen, daß Du seinen Spezialitäten mangelndes
Interesse entgegenbringst.
Jeder Versuch, sich beim Essen zu entschuldigen, wird vom Gastgeber
als persönliche Beleidigung empfunden. Leute auf Diät sollten lieber
die Einladung geschickt ablehnen oder das Essen und Trinken vortäuschen.
(Anna Bujak, Piotr Buczek)
Unterwegs in Bus und Zug
Wenn Du in Polen mit öffentlichen Verkehrsmitteln
fahren willst, wird Dir sofort auffallen, daß sie überfüllt sind.
Dadurch macht man manchmal näher mit seinen Mitreisenden Bekanntschaft
als einem lieb ist.
Wenn kultivierte Passagiere in den Bus, Zug oder in die Straßenbahn
einsteigen, sollte es eigentlich kein Gedränge geben, sondern alle
sollten ruhig warten, bis die anderen Passagiere ausgestiegen sind.
Dann sollten die Männer den Frauen, alle aber den älteren Menschen
den Vortritt lassen.- In der Realität sieht es leider oft so aus,
daß die Stärkeren ihre Kraft und Ellenbogen benutzen, um einzusteigen.
Wenn man in einen überfüllten Bus einsteigt, ist es manchmal schwierig,
einen Fahrkartenentwerter zu erreichen. Man sollte sich dann nicht
nach vorn oder hinten drängen und dabei die anderen Fahrgäste anrempeln
und schieben, um seine Fahrkarte zu entwerten. Es ist üblich, daß
man an der Bustür stehenbleibt und eine in der Nähe stehende Person
darum bittet, daß sie den anderen die Fahrkarte zur Entwertung weiterreicht.
Weil es so eng ist, sind alle Fahrgäste aufeinander sauer. Jeder möchte
gerne ein bißchen Platz für sich haben, am liebsten natürlich einen
Sitzplatz. Wer hat aber in erster Linie ein Recht auf einen Sitzplatz?
Natürlich vor allem ältere Leute. In Bussen ist es auch typisch, daß
heftig über "allgemeine" Themen diskutiert wird, z.B. über
die Verderbtheit der Jugend. Willst Du nicht angesprochen werden,
bleibe am besten stehen, auch wenn neben Dir ein freier Platz ist
und Du schwere Taschen hast. Unzweideutige Kommentare bekommt man
nämlich zu hören, wenn man als jüngerer Mitbürger hartnäckig aus dem
Fenster schaut, ohne der daneben stehenden älteren Dame (meist mit
schweren Einkaufstaschen) seinen Sitzplatz abzutreten.
In öffentlichen Verkehrsmitteln sollte man sich mit Bekannten eher
in gedämpfter Lautstärke unterhalten und nicht so, daß alle Fahrgäste
das ganze Gespräch hören. Sie könnten sich dadurch gestört fühlen.
Wenn Jugendliche das vergessen und sich lautstark unterhalten, kann
es passieren, daß ältere Mitreisende sie deswegen zurechtweisen.
Ein bißchen anders sieht die Situation im Zug aus. Die in einem Abteil
sitzenden Personen führen fast immer Gespräche während der Reise.
Wenn jemand keine Lust dazu hat, darf man ihn aber auf keinen Fall
dazu zwingen. Die Bekanntschaft der Reisenden dauert so lang wie die
Zeit, die sie gemeinsam in einem Abteil verbringen. Sie werden sich
wahrscheinlich nie wieder begegnen. Oft stellen Mitreisende sich auch
vor und verabschieden sich sehr nett und freundlich beim Aussteigen.
Das Reiseziel zu erreichen, ist in Polen ein bißchen schwieriger als
in Deutschland, weil es in den meisten Fällen kein Schild mit der
Endstation vorn auf oder über der Windschutzscheibe gibt. Man sieht
nur die Busnummer, und ob er in die gewünschte Richtung fährt, muß
man fragen oder auf dem Plan nachschauen.
Was die Pünktlichkeit der Verkehrsmittel anbetrifft, so sieht es damit
im Sommer weit besser aus als im Winter. Wer in Polen zufälligerweise
den Winter verbringt, muß damit rechnen, daß manche Busse ausfallen
und viele verspätet ankommen. Deshalb sollte, wer zu einem genauen
Zeitpunkt verabredet ist, diese Möglichkeit einkalkulieren.
(Malgorzata Siuda, Olga Palec, Inga Przybysz, Aneta Kozak, Dorota
Luczka)
Auf Polens Straßen
Wie in den anderen Ländern Europas
gibt es auch in Polen eine Straßenverkehrsordnung, die die Grundprinzipien
des Verhaltens auf der Straße festlegt. Neben den festen Verkehrsregeln
sind inzwischen aber auch zahlreiche andere Sitten (und Unsitten)
auf der Straße gang und gäbe.
Eine der typischen häufigen Freundlichkeiten ist es, den Autofahrern,
die in einer Seitenstraße warten, das Einfädeln in den Verkehrsfluß
zu ermöglichen. Man bedankt sich dann gewöhnlich mit einem Winken
oder Blinken für die Vorfahrt. Das gleiche gilt für die Erleichterung
eines Wende- oder Einparkmanövers. Eine nette Geste ist es auch, sich
mit einem kurzen Blinken der Warnblinkanlage zu bedanken, wenn ein
langsamerer Autofahrer das Überholen erleichtert hat. Mit der Lichthupe
warnt man die anderen Verkehrsteilnehmer vor einer Radarfalle oder
Polizeikontrolle - eine solche Handlung ist natürlich gesetzwidrig.
Zu den besonderen Frechheiten gehören Beschimpfungen, die trotz der
polnischen Galanterie auch Frauen gegenüber geäußert werden. Je mehr
Schuld jemand hat, desto lauter schreit er. Keine höfliche Gewohnheit
ist auch das Drücken auf die Hupe in allen möglichen Situationen,
besonders vor einem Zebrastreifen.
(Magdalena Kochmanska)
Was trägt man wo?
Wenn man es in Polen nicht riskieren
will, komisch auszusehen, Blicke auf sich zu ziehen oder einfach ausgelacht
zu werden, sollte man folgende Ratschläge im Hinterkopf behalten.
IM THEATER
Es gibt zwar keinen Rockzwang für Frauen, aber elegant sollte man
sein. Die Männer können bzw. sollten eine Krawatte aus dem Schrank
nehmen, einen eleganten Anzug (nicht unbedingt schwarz) anziehen.-
Die Bekleidungskonventionen werden aber immer lockerer.
IN DER KNEIPE
In der Kneipe sieht man eine ganze Menge von Farben, Kleidungsschnitten
und Modestilen. Hier gelten überhaupt keine Konventionen. ?Ich kleide
mich so, wie ich will; für mich, nicht für die anderen- das ist hier
die Devise. Es überwiegen natürlich, sowohl bei Jungen als auch bei
Mädchen, blaue oder schwarze Jeans und weite Pullover, im allgemeinen
lässige und saloppe Kleidung.
IM RESTAURANT
Im Restaurant hängt die Art der Kleidung davon ab, welchen Charakter
das Essen dort hat und mit wem man sich trifft. In einem vornehmen
Restaurant ist eher elegante Kleidung angebracht.
BEI DER PRÜFUNG
Zu Prüfungen kleidet sich man schick und geschmackvoll. Eine Grundregel
ist, daß man keine grellen Farben trägt. Am häufigsten sind weiße,
schwarze, blaue und beige Farben. Bei Jungen sind Anzüge oder wenigstens
eine elegante Jacke gern gesehen. Bei Mädchen sind alle Variationen
der weiblichen Kleidungsstücke zugelassen: Mini- oder lange Röcke,
Blusen mit und ohne Ausschnitt. Maßgebend für den Prüfungserfolg ist
aber eigentlich die Person des Prüfenden, bei dem man die Prüfung
ablegt.
EINE PARTY
Was man anzieht, hängt von der Art der Party ab (Bankett, Coctail-Party,
Bottle-Party oder Geburtstagsparty). Wenn man sich nicht sicher ist,
dann kann man ruhig den Gastgeber fragen, wie man sich anziehen soll.
IM BÜRO
Wenn man etwas an einem Freitag in einer Firma zu erledigen hat, sollte
man sich nicht wundern, wenn man das ganze Team in Alltagskleidung
sieht. Nach amerikanischem Vorbild setzt sich (vor allem in den größeren
Städten) immer mehr die Erscheinung durch, daß man freitags Kostüme
und Anzüge im Schrank läßt und statt dessen ?usual clothes" anzieht.
(Agnieszka Berezowska, Elzbieta Krajanowska)
Freizeit
Im allgemeinen unterscheiden sich die
Freizeitangebote in Polen und Deutschland nicht in so großem Maße,
es geht hier v.a. darum, welche Möglichkeiten man nutzt, um sich die
Zeit zu vertreiben.
In Polen gehen Jugendliche sehr oft zusammen aus, nicht unbedingt
essen, wie es in Deutschland üblich ist, sondern laden sich gegenseitig
ins Café ein oder gehen in die Disco. Ein guter Anlaß, sich zu treffen
ist der Namenstag (der im Gegensatz zu Deutschland sehr oft gefeiert
wird) oder der Geburtstag. Es ist auch üblich, daß man sich an Werktagen
besucht, ohne besonderen Anlaß oder spezielle Einladung.
Nicht jeder Pole hat einen Computer zu Hause - deswegen droht auch
kein stundenlanges Sitzen vor dem Computerbildschirm; es ist eher
der Fernsehbildschirm, vor dem viele ihre Freizeit verbringen. In
letzter Zeit kommen aber die längst vergessenen Fahrräder wieder in
Mode. Familienausflüge werden allerdings dadurch beeinträchtigt, daß
es in Polen an Radwegen fehlt. Vielleicht sind deshalb die robusten
Mountainbikes besonders beliebt.
Das Wochenende verbringen die meisten Familien gemeinsam. Es ist von
Familie zu Familie unterschiedlich, aber die in Deutschland beliebten
Wochenendausflüge in die nächste Umgebung sind in Polen eher die Ausnahme.
Im Sommer und Herbst bevorzugen viele Polen die aktive Erholung in
ihren Schrebergärten, wobei sie Arbeit und Vergnügen verbinden, indem
sie Obst und Gemüse für den Eigenbedarf anbauen.
In den Sommerferien fahren viele Schulkinder in Sommerlager. Viele
Leute verbringen ihren Jahresurlaub an einem See oder am Meer, vor
allem Jugendliche fahren gerne zum Bergwandern ins Gebirge. Vor allem
polnische Rentner verreisen nicht so häufig wie das in Deutschland
üblich ist, jedenfalls nicht mehrmals pro Jahr. Stattdessen lädt man
häufiger Gäste nach Hause ein.
(Joanna Jamróz, Urszula Tatys)
Familienleben in Polen
Wenn Du einen längeren Aufenthalt in
Polen beabsichtigst, wirst Du unter Umständen Kontakte zu polnischen
Familien haben und am alltäglichen Familienleben teilnehmen.
Man kann ruhig sagen, daß die Familie für die Polen von besonderer
Bedeutung ist. Sie sind mit ihren Familien sehr eng emotional verbunden,
was wohl auch damit zusammenhängt, daß meistens zwei und nicht selten
drei Generationen unter einem Dach wohnen - vor allem aus finanziellen
Gründen und aus Mangel an Wohnungen. Oft ist dieses Zusammenwohnen
auch eine Quelle von Konflikten und Mißverständnissen. Mit den Finanzen
hängt es auch zusammen, daß man ziemlich lang von den Eltern abhängig
bleibt - oft bis zum Ende des Studiums, d.h. etwa bis zum Alter von
23 Jahren. Im Durchschnitt hat eine Familie zwei Kinder, es gibt jedoch
auch kinderreiche Familien.
Unsere Familien sind ziemlich konservativ, doch in der guten Bedeutung
dieses Wortes. In vielen Familien legt man z.B. großen Wert auf gemeinsame
Mahlzeiten, natürlich je nach den - begrenzten - Zeitmöglichkeiten.
Engere Kontakte innerhalb der Familie werden dadurch erschwert, daß
die Kinder in Schichten unterrichtet werden, d.h. für die Kinder zwischen
7 und 13 Jahren beginnt der Unterricht zu unterschiedlichen Zeiten
im Verlauf der Woche: mal morgens, mal mittags oder nachmittags.
Als Klischee gilt das Bild von einer Familie, in der der Vater als
Familienoberhaupt müde von der Arbeit kommt, sich vor den Fernseher
setzt und dort den Rest des Abends verbringt. Die Mutter als Hausfrau
kümmert sich um den Haushalt und bedient den Mann. Die heutige Familie
weicht von diesem Stereotyp aber immer mehr ab. Heute arbeiten meistens
beide Elternteile - nicht nur die Männer sondern auch die Frauen möchten
beruflich Karriere machen.
(Inga Przybysz, Agnieszka Berezowska, Anna Hawajska)
Feste und Feiertage
Weil Polen ein überwiegend katholisches
Land ist, spielen die kirchlichen Feiertage eine große Rolle im öffentlichen
Leben. An Allerheiligen (1.11.) z.B. machen sich alle Leute auf den
Weg zum Friedhof, um die Gräber ihrer Angehörigen zu schmücken. In
den größeren Städten werden Sonderbuslinien zu den Friedhöfen eingesetzt,
und abends haben sich die Friedhöfe in ein Lichtermeer verwandelt.
Weihnachten
Im Unterschied zu Deutschland ist die Zeit vor Weihnachen, der Advent,
nicht von so großer Bedeutung. Die Tage vor Weihnachten sind mit erschöpfendem
Ordnen und groß angelegtem Einkaufen verbunden. Nach dem Putzen, Waschen,
Staubsaugen und ähnlichem verbringt die Hausherrin die nächsten Tage
und Nächte in der Küche, wo sie verschiedene Speisen vorbereitet.
Diese Festtage stehen in Polen nämlich unter dem Motto "Großes
Essen".
Am Weihnachtstag wird der Weihnachtsbaum von der inzwischen todmüden
Mutter und ihrer Familie mit schönen Glaskugeln, Strohsternen, Lametta
und anderem Weihnachtsschmuck geschmückt. Vor allem auf dem Lande
pflegt man noch die Sitte, daß unter die Tischdecke Heu gelegt wird
(in manchen Häusern legt man das Heu unter den Weihnachtsbaum). Außerdem
legt man ein zusätzliches Gedeck für einen unerwarteten Gast auf.
Wenn der erste Stern am Himmel erscheint, setzen sich alle an den
festlich gedeckten Tisch, teilen eine große geweihte Oblate miteinander
und sprechen einander gute Wünsche aus. Dann beginnt das Abendessen.
Am Heiligen Abend werden viele Nationalgerichte serviert, traditionell
sollten zum Weihnachtsmahl 12 Speisen vorbereitet werden - dazu gehören
unbedingt Rote Rübensuppe (Barszcz), Sauerkraut mit Pilzen (Bigos),
Karpfen und Mohnkuchen - und jede sollte man wenigstens einmal probieren.
Wenn die 12 Speisen aufgegessen sind, kommt der Weihnachtsmann und
bringt den Kindern Geschenke. Während die Kinder die Päckchen auspacken,
singen alle Weihnachtslieder mit Ausnahme der Hausherrin, die total
erschöpft von allen Vorbereitungen im Sessel schnarcht. Um Mitternacht
gehen alle zur Christmette.
Am zweiten Weihnachtstag besuchen die Polen ihre Verwandten und verbringen
sehr viel Zeit am Tisch nach dem alten Sprichwort "Iß, trink,
und mach den Gürtel locker!" Jeder Versuch, eine Speise oder
ein Getränk zurückzuweisen, wird als persönliche Beleidigung des Gastgebers
empfunden. Das liefert die Erklärung dafür, warum so viele Menschen
aus Übersättigung im Krankenhaus landen.
(Bernadeta Siegel, Malgorzata Minuczyc, Katarzyna Dejnek)
Ostern
Das Osterfest wird nicht ganz so feierlich begangen wie Weihnachten.
Am Karsamstag legt man Lebensmittel in ein Weidenkörbchen - traditionell
Eier, Brot, Wurst, Salz, Käse, manchmal bunt bemalte Ostereier sowie
künstliche Küken als Schmuck - und trägt sie in die Kirche, wo sie
geweiht werden. Osterhasen haben keine landesweite Tradition, man
kennt sie in bestimmten Regionen (Schlesien, Posen), aber in den
letzten Jahren tauchen sie auch in Ostpolen gelegentlich auf. Vorsicht
am Ostermontag, denn die Polen begießen einander traditionell mit
Wasser.
(Elzbieta Wróbel, Katarzyna Dejnek)
Geburtstag und Namenstag
Unter den privaten Festen spielt der Namenstag, also der Tag des
Namenspatrons, traditionell eine größere Rolle als der Geburtstag,
der allenfalls im Familienkreis, in manchen Familien aber überhaupt
nicht gefeiert wird. Eine einheitliche Regelung, welches Fest das
wichtigere ist, gibt es aber heute nicht mehr; viele feiern beides,
andere nur den einen Tag, wieder andere keinen von beiden.
Der Namenstag wird meistens sehr feierlich begangen. Früher wurde
er noch prächtiger gefeiert. Ohne Einladung erschienen im Hause
des Namenstagskindes Freunde und Bekannte mit Geschenken und Blumen.
Heute ist es jedoch nicht mehr üblich, ohne Einladung zu kommen.
(Jolanta Pora, Elzbieta Wróbel)
Hochzeit
Eine Hochzeit dauert in Polen meistens zwei Tage. Die standesamtliche
Trauung findet meistens am Samstagvormittag statt und dauert ca.
15 bis 30 Minuten. Hier sind aber nicht alle zur Hochzeit eingeladenen
Gäste anwesend. Auf dem Standesamt wird am Ende der Trauung immer
der Hochzeitsmarsch von Mendelssohn gespielt. Anschließend findet
in einem anderen Raum ein kurzer Empfang statt, bei dem Fotos gemacht
werden und das Brautpaar Glückwünsche entgegennimmt. Wenn das Brautpaar
dann aus dem Standesamt kommt, wirft man Reiskörner auf das Paar
oder Münzen, die das Brautpaar mit Unterstützung der Trauzeugen
aufsammeln muß.
Die kirchliche Trauung findet am späten Nachmittag statt. Die Messe
dauert ca. eine Stunde. Der Bräutigam trägt einen Anzug, die Braut
ein weißes Kleid. Nach der Messe, an der alle eingeladenen Gäste
festlich gekleidet erscheinen, nehmen die Eheleute wieder Glückwünsche,
Blumen und Geschenke entgegen. Die Hochzeitsfeier findet in einem
Restaurant oder in einem für diesen Zweck reservierten Saal statt;
sie dauert die ganze Nacht.
Der Ehemann muß seine Frau beim Betreten des Saals über die Schwelle
tragen. Anschließend werden die Eheleute von ihren Eltern mit Brot
und Salz begrüßt und leeren ein Glas Wein, Sekt oder Wodka und werfen
die Gläser hinter sich. Wichtig ist dabei, daß die Gläser zerspringen,
denn das soll Glück und Segen bringen.
Die Gäste setzen sich an den Tisch, und eine Kapelle spielt zum
Tanz auf. Der erste Tanz ist der Brauttanz, dann schließen sich
alle Gäste an. Um Mitternacht muß die Braut den Schleier abnehmen,
weil sie jetzt keine Braut mehr ist, sondern eine verheiratete Frau.
Dann stellen sich alle Mädchen um sie herum, die noch nicht verheiratet
sind, und sie wirft mit verbundenen Augen den Schleier oder den
Brautstrauß hinter sich. Diejenige, die ihn fängt, wird - so heißt
es - als nächste heiraten. Dasselbe gilt für den Jungen, der die
Fliege des Bräutigams fängt.
Das Hochzeitsmahl besteht aus mehreren Gängen, die die ganze Nacht
hindurch serviert werden. Ganz typisch sind Rübensuppe mit Kroketten,
Brühe mit Nudeln, Fleisch- und Fischgerichte, Torten, Kaffee, Tee
sowie alkoholische und alkoholfreie Getränke.
Am nächsten Tag trifft man sich noch einmal, jedoch im engeren familiären
Kreis meistens bei der Braut. Das Brautpaar tritt dann seine Hochzeitsreise
an.
(Julita Dolatowska, Katarzyna Dejnek)
Studieren in Polen
Du hast die Aufnahmeprüfung hinter
dich gebracht. Was jetzt?
Immatrikulation!
Es ist ein glücklicher Moment im Leben jedes frisch gebackenen Studenten,
wenn er sein Studienbuch bekommt. Die Aushändigung der Studienbücher,
die Immatrikulation also, geschieht in Polen mit ganzer Pracht. An
jeder polnischen Universität findet am 1. Oktober eine Feier statt.
Für diesen Tag sollten alle Erstsemester ihre besten Klamotten aus
dem Schrank holen. Die Kleidung sollte von unauffälliger Eleganz sein;
deshalb sind als Farben Schwarz, Grau und Weiß, als Kleidungsstücke
Kostüm und Anzug zu empfehlen.
Normalerweise bekommt man ca. eine Woche vor der Immatrikulation ein
Einladungsschreiben von der Universität, das darüber informiert, wann
und wo die Veranstaltung stattfinden wird. Wenn man aber kein solches
Schreiben bekommt, bedeutet das nicht, daß die Feier nicht stattfinden
wird, sondern daß die Uni zu wenig Geld hat, um Briefmarken und Postkarten
zu kaufen. In diesem Fall sollte man das Dekanat anrufen, und eine
nette Frau wird bestimmt Auskunft geben.
Die Feier kann mit 10 bis 15 Minuten Verspätung beginnen, aber es
wäre besser, sich pünktlich vor demjenigen Raum einzustellen, wo sich
die Zeremonie abspielen wird. Die nächste Sache, die sich der Student
für diesen Tag besorgen sollte, ist gute Laune, denn das ist eine
fröhlicheVeranstaltung, auch wenn die Reden der Uni-VIPs, die die
Zeremonie eröffnen, langweilig sind und lange dauern. Man muß das
einfach über sich ergehen lassen, weil der anschließende Clou - die
Aushändigung der Studienbücher - es wert ist. Dabei wird jeder Name
vorgelesen, und alle gehen der Reihe nach auf das Podium, um sich
das Studienbuch abzuholen. Jetzt hat jeder Student eine von den zwei
Gelegenheiten, während der Studienzeit dem Rektor die Hand zu reichen.
Das nächste Mal wird erst wieder bei der Aushändigung der Diplome
sein.
Die ganze Veranstaltung dauert ziemlich lange (ca. 2 Stunden). Es
lohnt sich aber, dieser Zeremonie beizuwohnen, schon deswegen, weil
es einer der nicht zahlreichen Tage während des Studiums ist, an denen
man sich gewürdigt fühlt. Wenn man das Fest verpaßt - kein Problem.
Man kann sich das Studienbuch auch im Dekanat abholen. Dort wird man
aber nicht so würdig empfangen.
(Maria Wójcicka)
Begrüßung an der Uni. Vorsicht:
Akademische Titel!
Dem Prinzip gemäß, daß die Jüngern die Älteren und die Untergebenen
die Vorgesetzten grüßen, grüßen auch die Studenten ihre Dozenten.
Unabhändig von allen Regeln soll jedoch vor allem situationsgemäß
gehandelt werden: Ein höflicher Professor wird nicht stolz warten,
bis ihn die Studentin grüßt, sondern er macht selbst den ersten
Schritt, weil sie ja eine Frau ist; ähnlich grüßt der Hochschullehrer
als erster, wenn er den Saal betritt, wo die Studenten schon warten.
Die Dozenten siezen die Studenten und wenden sich an sie mit "Pan"
(Herr)/"Pani" (Frau) + Namen oder Vornamen, z.B. "pani
Krajanowska", "panie Piotrze". Die Studenten wenden
sich an die Dozenten mit der Anrede "Pan"/"Pani"
+ wissenschaftlicher Titel, z.B. "panie magistrze", "pani
profesor".
Bereits in der Oberschule wird man in die Geheimnisse der akademischen
Titel eingeweiht. In der Oberschule spricht man den Lehrer mit "panie
profesorze", "pani profesor" an, obwohl sie nur den
Magistertitel haben. An der Uni aber tituliert man: einen Magister
nur mit "Magister", einen Doktor mit "Doktor",
einen Habildoktor mit "Dozent" oder bereits mit "Professor"
und einen Professor mit "Professor".
(Elzbieta Maciaszek)
An der Uni überleben - Faustregeln
Die Lehrinstitute einer Universität sind oft über die ganze Stadt
verstreut. Das bedeutet, daß polnische Studenten mathematische Fähigkeiten
besitzen müssen, denn immer wieder müssen sie ausrechnen, wieviel
Zeit es kostet, zu einem bestimmten Zeitpunkt an einen bestimmten
Ort zu gelangen.
An den polnischen Unis herrscht akademische Freiheit. Das heißt,
daß der Student nur dann Vorlesungen hört, wann er will; eine Ausnahme
bilden in dieser Hinsicht Vorlesungen, in denen eine Anwesenheitsliste
geführt wird. Die Studenten haben in der Regel keine Fragen, der
Dozent erwartet auch keine. Er gibt dem Monolog den Vorzug.
Der Student ist gezwungen, Übungen zu belegen. Zum Glück darf er
zweimal unentschuldigt fehlen, denn schließlich kann ja jedem Menschen
einmal etwas Unerwartetes passieren. Großer Popularität erfreuen
sich an jedem Institut die Schwarzen Bretter für Anzeigen, Anschläge
und Bekanntmachungen. Fast jeder Student richtet seine ersten Schritte
dorthin, um nachzuschauen, ob es vielleicht aus einem nicht näher
bestimmten Grund frei gibt.
Die meisten Studenten schließen ihr Studium mit der Magisterarbeit
ab. Wer das Abschlußexamen besteht, darf seinen Beruf ausüben, was
aber nicht bedeutet, daß er seinen Beruf ausüben kann. Das Studium
bereitet den Studenten auf seine künftige Arbeit nicht immer genügend
vor.
Viele Studenten wohnen in Studentenwohnheimen, viele aber auch privat.
Die Fleißigeren bevorzugen das Privatwohnen, weil es in den Wohnheimen
nicht immer eine gute Atmosphäre zum Studieren gibt (Lärm, eine
Fete nach der anderen).
An fast allen Unis gibt es eine Mensa, wo Studenten billig essen
können; Billig bedeutet aber nicht schmackhaft. An dem Gericht,
das serviert wird, kann man erraten, was für ein Wochentag heute
ist, so z.B. Schweinebraten = Montag, Schnitzel = Dienstag, Klöße
= Mittwoch, usw. Es gibt auch kleine Imbißstuben, wo sich die Studenten
zwischen Vorlesungen und Übungen stärken können, falls sie einen
freien Platz finden.
(Bernadeta Siegel)
To be or not to be - Prüfungszeit
an polnischen Unis
Es gibt im Leben des Studenten angenehme Phasen wie beispielsweise
die dreimonatigen Sommerferien, weniger angenehme Phasen wie den
Anfang des Semesters, und eine Phase, die er nur mit größter Anstrengung
all seiner Kräfte und dank seinem Glauben an höhere Ideale überstehen
kann, die Prüfungszeit nämlich.
Dieses intellektuelle Vergnügen, die Möglichkeit eines intensiven
Gedankenaustausches zwischen Studenten und Dozenten, ist zeitlich
streng in zwei Prüfungsperioden eingeteilt. Sie dauern ca. zwei
Wochen im Wintersemester (Ende Januar/Anfang Februar) und drei Wochen
im Sommersemester (Anfang bis Mitte Juni). Aber man spürt schon
früher an der steigenden Nervosität an der Uni, daß sich die Prüfungszeit
nähert.
Die erste Phase der Prüfungszeit umfaßt breit angelegte Vorbereitungen
wie In-Kontakt-Treten mit Studenten der höheren Studienjahre, um
Informationen über die Dozenten, ihre Lieblingsthemen, Schwerpunkte
und die Art und Weise des Abfragens zu sammeln. Gesucht werden Notizen,
die meistens im Tauschhandel erhältlich sind, Fachliteratur und
Kompaktlexika, in deren Besitz man nach langer Bibliotheksbelagerung
kommt.
Die Umsätze der Kopierstuben steigen um das Mehrfache, und der glückliche
Student schleppt den ganzen Papierkram mit sich herum, um sich wißbegierig
in die Lektüre zu vertiefen. Dann kommen mehrere schlaflose Nächte
über den Büchern, die man, gestärkt mit einigen Tassen coffeinhaltigen
Kaffees und in dem Bewußtsein, daß die Zeit zu schnell vergeht,
sehr fleißig verbringt. Selbstverständlich kann man die Not des
Studentenlebens zu zweit oder in größeren Gruppen teilen; da ist
das Risiko des Einschlafens geringer.
Endlich kommt der gefürchtete Tag der Konfrontation, an dem man
Rechenschaft über Wissenbestände bzw. -lücken ablegen muß. In größter
Eile bügelt man elegantere Klamotten (weiße Blusen oder Hemden,
Kostüme und Krawatten machen einen guten Eindruck auf den Dozenten),
und dann sucht man hektisch nach dem Studienbuch.
Schließlich bleibt nichts mehr zu tun, als auf dem Gang zu warten,
bis man an der Reihe ist. Die meisten Prüfungen werden mündlich
abgelegt, schriftliche Prüfungen, jedenfalls in philologischen Fachrichtungen,
sind seltener. Nach den Examina gibt es nur eins zu tun: in die
nächste Kneipe zu gehen, um den Streß abzureagieren, einen Sieg
zu feiern oder sich zu trösten, je nachdem welche Noten im Studienbuch
stehen.
(Julita Dolatowska)
Two beer or not two beer. Das
Studentenleben in Lublin
Es gibt Studenten, die nur nach Wissen streben (die Minderheit)
und die ganze Zeit in der Bibliothek verbringen, aber auch solche,
die nur pro forma studieren und sich mit ganz anderen Sachen beschäftigen
als mit dem Studieren im engeren Sinne. Die letzteren genießen das
Studentenleben auf verschiedene Art und Weise, meistens unabhängig
davon, was ihnen direkt an der Uni angeboten wird.
Die Uni sorgt nicht nur für die Vertiefung und Erweiterung des Wissens
der Studenten, sondern auch für ihre Freizeitaktivitäten und ihre
psychische Gesundheit, indem sie Veranstaltungen verschiedener Art
anbietet. Die Maria Curie-Sklodowska-Universität in Lublin mit ihrem
Kulturzentum Chatka Zaka z.B. bestätigt den Reichtum solcher Möglichkeiten
des sinnvollen Zeitvertreibs. Außer Aufführungen von Theater-, Tanz-,
Kunst- und Musikgruppen, die vor allem von und für Studenten organisiert
werden, finden dort interessante Ausstellungen, Konzerte und Festivals
statt. Bedeutende Festlichkeiten und größere Kulturereignisse werden
immer in der ganzen Region bekanntgegeben, damit mehr Menschen,
nicht nur Studenten, daran aktiv teilnehmen können.
Im Kino des Kulturzentrums laufen meist preisgekrönte oder ältere
Filme, die man sich nachträglich ansehen kann, wenn man sie z.B.
wegen der Prüfungszeit verpaßt hat. Es ist auch eine gute Gelegenheit,
einen guten Film im Gedächtnis aufzufrischen, zumal die Kinokarten
billiger als in anderen Kinos sind. Während Filmfestivals, wo die
neuesten Filme gezeigt werden, bekommen die Studenten günstige Wochenkarten.
Ihre Freizeit verbringen die Studenten sehr gerne in Kneipen oder
Cafés, wo sie meistens bei guter Musik Bier oder Wein trinken, Freunde
treffen und Dispute führen können. Nicht nur im Studentenviertel,
sondern vor allem in der Altstadt befinden sich von Studenten oft
besuchte Lokale, die besonders am Wochenende voll sind, während
sie in der Prüfungszeit fast leerstehen. Je nach der Art der bevorzugten
Musik wählen die Studenten einen geeigneten Raum oder ein Konzert,
wo sie sich austoben und Kräfte für weiteres Lernen sammeln können.
Eine gute Möglichkeit dazu gibt es wiederum an der Uni, und zwar
jedes Jahr im Mai, während der sog. Tage der Studentenkultur, die
an jeder Hochschule unter anderem Namen veranstaltet werden. An
der UMCS in Lublin heißen sie z.B. ?Kozienalia, an der Technischen
Hochschule ?Juvenalia und an der Medizinischen Hochschule ?Medykalia".
An jeder Hochschule haben diese Tage im Laufe der Jahre einen eigenen
Charakter bekommen, aber unter den vielen Angeboten stehen fest
auf jedem Programm: Konzerte aller Art, vor allem im Freien auf
einer großen Bühne auf dem Unigelände, Happenings, Modenschauen,
Schönheits- und andere Wettbewerbe, Ausstellungen und Sportwettkämpfe.
Für einige Tage übernehmen die Studenten die Regierung in der Stadt.
Eine ganz andere Seite, die für manche auch viel interessanter ist,
hat das Studentenleben in seinen ?natürlichen Grenzen - in Studentenwohnheimen
und gemieteten Wohnungen, die immer als ein fester Bestandteil des
Studentenlebens fungieren. Was sich da abspielt, wissen nur die
Studenten und das bleibt ihr Geheimnis. Wer es kennenlernen will,
muß zuerst die Aufnahmeprüfung (Richtung egal) bestehen oder das
nächste Kapitel lesen.
(Joanna Jamróz)
Eng, aber gemütlich: Das Studentenwohnheim
Die Studenten an der UMCS in Lublin leben in ihrer eigenen Welt,
denn sie wohnen zusammen in der Nähe der Uni in Studentenwohnheimen.
Die Häuser sind alphabetisch angeordnet, und in jedem Haus wohnen
ein paar Hundert Studenten. Das alles macht den Eindruck eines großen
Ameisenhaufens. Die Leute bewegen sich ständig, gehen in unterschiedliche
Richtungen, haben immer viel zu tun. Das Leben in einer so großen
Gemeinschaft ist gar nicht so einfach. Erforderlich sind: Toleranz,
Ausdauer, Geduld und die Fähigkeit, sich an jede Situation anpassen
zu können, manchmal auch unabhängig davon, ob man recht hat oder
nicht.
Der Versuch, mit anderen in Einklang zu leben, kann vor allem dann
scheitern, wenn im Leben jedes Studenten die schwere Zeit der Prüfungen
kommt. Die meisten büffeln bis zum frühen Morgen, dann gehen sie
schlafen und das ganze wiederholt sich, bis man mit den Prüfungen
fertig ist. Die Atmosphäre ist niederdrückend und stressig. Im Fahrstuhl
hört man am häufigsten die Frage: ?Wieviele Prüfungen hast du noch?
Wünscht man jemandem "Viel Glück!" für die Prüfung, darf
man übrigens nicht erwarten, daß der Angesprochene sich bedankt,
denn das bringt Unglück.
Die Straßen und Gehsteige sind zu dieser Zeit ganz leer. Nur manchmal
kann man auf der Straße Leute tanzen sehen. Das ist natürlich nicht
anders als eine Art psychische Vorbereitung auf die Prüfung zu verstehen.
Danach kommt die lange erwartete Zeit der Belebung und Entspannung.
Das ganze Studentenviertel verwandelt sich in einen Rummelplatz,
alle feiern ihre Erfolge oder Mißerfolge.
Wenn sich manche außerhalb des Studentenwohnheims amüsieren wollen,
müssen sie damit rechnen, daß sie, wenn sie zu spät nach Hause kommen,
keinen Zutritt mehr ins Haus haben. Die Tür wird vom Pförtner einfach
geschlossen, und man kann gar nichts machen, selbst die Wohnkarte
hilft nicht. Der Pförtner ist rücksichtslos, sogar dann, wenn man
Geburtstag feiert und seine Gäste ins Zimmer einladen will. In solchen
Situationen sind die meisten gezwungen, mit List und Tücke zu handeln,
indem sie den Pförtner vorher ansprechen, ihn z.B. nach seiner Laune
oder nach dem Wetter fragen und währenddessen ihre Gäste schnell
hereinschmuggeln. Man muß dabei vorsichtig sein, denn die Pförtner
machen manchmal den Eindruck, als ob sie rund um den Kopf Augen
hätten.
Das Miteinanderleben in einer so großen Gemeinschaft ist also nicht
einfach. Man muß die Augen immer weit offen haben und sich in jeder
Situation zu helfen wissen, um sich auf diese Art und Weise das
schwere Studentenleben leichter zu machen.
(Anna Bujak)
Hat das Heftchen Sie zu Widerspruch herausgefordert oder Ihre Beobachtungen
bestätigt? Über Anregungen und Kommentare würden wir uns freuen.
Kontaktadresse (1998, wahrscheinlich nicht mehr aktuell):
Uniwersytet Marii Curie-Sklodowskiej
Zaklad Filologii Germanskiej
mgr Jutta Conrad
Plac Marii Curie-Sklodowskiej 4
PL-20031 Lublin
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